Von Luther und Bekenntnissen

Wir haben gerade in Kirchengeschichte den Beweis angetreten, dass zu dem sogenannten “Untertitel” zur FTH: “wissenschaftlich – bibeltreu – praxisnah” noch ein wertvolles Attribut hinzugefügt werden muss, nämlich: Modern! Ja, die FTH ist modern! Nicht nur wegen des W-LANs, der Beamer, den charmanten Dozenten oder gar des aktuellen Internetauftrittes (Achtung, eine Nennung war rein ironisch zu verstehen, … :) ) mag man die FTH modern nennen. Nein, auch die Unterrichtsmethoden sprechen Bände: So haben wir eben in der Kirchengeschichte bei Prof. Dr. Lutz v. Padberg den Luther-Film gesehen. Ja, gesehen! Via Oculari! U n g l a u b l i c h ! (und das bezieht sich nicht auf den Inhalt des Filmes).


Nun, hier schwingt augenscheinlich ein wenig Ironie mit, die aber keinesfalls missverstanden werden sollte. Es geht mir nicht darum die Pädagogik meiner Dozenten schlecht zu reden! μὴ γένοιτο!! Die Unterrichtsmethoden an der FTH sollen auch garnicht Thema des Postings sein, aber haben mich im darüber nachdenken auf etwas (zumindest für mich) interessantes aufmerksam gemacht.

Nächste Woche werden wir uns ausführlich über Luthers Leben, und wie es auf Zelluloid gebannt dargestellt wurde, unterhalten. Ich werde für meinen Teil über den absoluten Dreh- und Angelpunkt von Luthers Leben sinnen, – die Rechtfertigung allein aus Gnade. Die Fragen die sich Luther stellte, sind nämlich seit einiger Zeit auch meine Fragen: Wie kann ein “gerechter” Gott Menschen in Sünden gebären lassen (worüber sie keine Entscheidungsgewallt haben), sich dann aber über ihre Sünden (gerecht, wegen seiner Heiligkeit) aufregen und sie mit ewigem Feuer bestrafen? Und, um es auf die Spitze zu treiben, warum beruft er sich dann nicht eine Braut, die Gemeinde, die es wenigstens drauf hat und nicht von Leuten geführt wird und aus Leuten besteht (so wie mich), die keinesfalls das Leben, was Jesus von seiner Braut möchte und damit nur noch mehr Menschen von ihm wegtreiben, – hin in die ewige Verdammnis? Ist unser Gott -nur- gerechter Gott? Luther suchte nach einem erbarmenden, nach einem guten Gott. Nach einem guten Vater.

Für Luther beantwortete sich dies alles in der Lehre der Rechtfertigung, als Ausgangspunkt für ein Leben nach dem Wunsch Gottes, das wiederum vieles veränderte. Für mich beantwortet sich dies hoffentlich nicht, wie so viel anderes, “im Laufe meines Lebens”, sondern noch während meiner Studienzeit hier in Gießen. Hoffentlich, und darum bitte ich, auch durch die Gnade geführt, zu einem Leben, das vieles und viele verändert.

Was hat das mit den Unterrichtsmethoden an der FTH zu tun? Nun, es gibt anscheinend keine “perfekte” Unterrichtsmethode. Während der eine garkeine PowerPoint-Dateien zur visuellen Verdeutlichung seiner Lehrinhalte heranzieht, versucht ein anderer alle 65,536 Farben je Folie zu verwenden! Dozent A strukturiert selbst Begrüßung und Gebet kunstvoll in das – bereits vor Monaten erstelle – Inhaltsverzeichnis, sodass dieses eine Homage an den akrostichen 119. Psalm darstellt, während Dozent B nach 15min. emotionalen Predigens auch mit der “geplanten” Unterrichtsstunde beginnt, … diese dann aber nach 10min. wieder “geistig” verlässt und sich dem geistlichen Seelenheil seiner Studenten zuwendet. Wenn es aber soviele Lehrmethoden schon bei uns an der FTH gibt, wie wendet sich Gott, als perfekter Pädagoge, uns Menschen zu? Hat er nicht sogar viel mehr Interesse daran, dass wir geistlich zu ihm hinwachsen, als wir das selber je haben könnten? Ist er nicht so ein geduldiger und liebevoller Vater, der (mein Mentor verwandte dieses Beispiel sehr gerne), in das Zimmer seines jungen Sohnes geht und sich zu ihm – auf Augenhöhe – hinkniet, um ihm zu erklären, was er möchte, – in einer Sprache, die der Sohn versteht. Statt in der Küche zur Heizung zu nuscheln, dass der Sohn sein Zimmer aufräumen solle; diesen dann später aber zu schelten, warum er nicht die Anweisungen des Vaters befolgt hätte. Nein, unser Vater ist doch ein guter Vater! Er spricht auf verschiedene Art zu uns! Auch wenn der Ruhe und Stillen Zeit (das schreibt man ja seit kurzem groß, da es sich in der christlichen Szene zum geflügelten Wort aufschwang) viel positives abzugewinnen ist, wehre ich mich vehement gegen den Gedanken, dass Gott in hektischen Zeiten und Perioden in unserem Leben, wo wir nicht die Kraft haben, ruhig zu werden und aktiv auf seine Stimme zu hören, nicht zu uns spricht, bzw. dies “zu leise” tut, als dass wir ihn hören könnten. Er wird Mittel und Wege finden! Wenn es sein muss, wird ER uns ruhigstellen, aber er wird es uns solange sagen, bis wir es verstanden haben. Er ist ein verständnisvoller Papa. Er ist ein guter Vater.

Dazu frage ich mich die letzten Wochen, auch zusammen mit meinem Seelsorger aus der FEG, welchen Anteil ich in dem übernatürlichen Wechselspiel von Gnade und Heiligung spiele, und was Gott von mir möchte, bzw. von mir “braucht”, um meinen Charakter ihm ähnlicher zu gestalten (was er ja von mir will). Diese beiden Fragen, die Frage nach der Rechtfertigung, sowie die Frage nach dem menschlichen Zutun, dem Tun von gerechten Werken, hängt ja deutlich sichtbar zusammen. Mehr und mehr verrückt sich die Sicht für mich, dass die Frage nach der Rechtfertigung vielmehr den Grund legt, auf der ich auch die zweite Frage beantworten mag.

Diese Zusammenhänge sind jedoch keineswegs erhellend für mich, sondern bringen mich dazu, dass ich mich schäme. Wie kommt man denn dazu, Theologie zu studieren, wenn man noch nichtmal die Milchspeise, die absoluten Basics, verstanden hat? Steht nicht die Rechtfertigung, dem Doppelpunkt gleich, am Anfang (ja, sogar noch ein Stückchen davor!) aller christlichen Antwort, aller Bekenntnisse? Von einem stud. theol. sollte man doch erwarten, dass er die Heilstat aus Gnade begriffen hat und auch seinem Leben nach danach strebt, diese Gnade durchscheinen zu lassen.

Ich bekenne, dass ich – scheinbar – , Luther gleich, im Studium noch nicht begriffen habe, was Gnade wirklich bedeutet. Aber ich vertraue auf Gott, als guten Vater, der sich mir zuwendet und – mir entsprechend – durch seinen Heiligen Geist, den besten Lehrmeister, erklärt, was Gnade heißt.

Luther schrieb an seinen Freund Melanchton, während er gerade auf der Wartburg gefangen saß, bewegende Worte, die mich nachdenklich darüber machen, was so ein großer Mann wirklich für ein Leben geführt hat.

Ich sitze hier bequem, verhärtet und gefühllos – ach! Wenig betend, wenig um die Gemeinde Gottes bekümmert, aber umso mehr in den wilden Feuern meines ungezähmten Fleisches brennend. Hierauf kommt es hinaus: Ich sollte in den Flammen des Geistes stehen; in Wirklichkeit stehe ich in den Flammen des Fleisches, mit Begierde, Trägheit, Untätigkeit, Schläfrigkeit. Vielleicht liegt es daran, dass ihr alle aufgehört habt, für mich zu beten, dass Gott sich von mir abgewendet hat. … In den letzten acht Tagen habe ich nichts geschrieben und weder gebetet noch studiert, teilweise aus Maßlosigkeit, teilweise aufgrund einer andereren ärgerlichen Behinderung [Verstopfung und Hämorrhoiden] … Ich kann es wirklich nicht länger aushalten; … bete für mich, ich bitte dich, denn in meiner Abgeschiedenheit hier bin ich von Sünden überhäuft.

Heißt ein Leben “aus Gnade”, ein ewig-strahlendes Lächeln einer (jetzt geschiedenen) Prosperity-Priesterin Paula White, oder eines engagierten, geisterfüllten und zeitlos-motivierten (jetzt geschiedenen) Todd Bentleys? Ich bin dabei es herauszufinden und freue mich, dass ich es nicht alleine “schaffen” muss. Nein, ich habe einen Papa, der mich erzieht und mich lehrt. Einen lieben Papa. Einen guten Vater.